Active Line Plus vs. Steps E8000

Der Umstieg vom 2018er Bosch Active Line Plus Pedelec-Antrieb (nach wie vor aktuelles Modell) auf den Shimano Steps E8000 (2016 erschienen, wird aktuell durch den EP8 abgelöst) liefert massiv Textmaterial für dieses Blog.
Diese Umstiegsentscheidung war sehr schwierig, was nicht nur generelle Gründe (wie bereits beschrieben) hatte. Es gab vielmehr auch ganz konkrete abratende Informationen zum Antrieb aus diversen Web-Fahrberichten, Vergleichen und Tests seriös scheinender Quellen oder Magazine. Insbesondere gab es leider immer wieder sachlich klingende Aussagen gut informiert scheinender Testfahrer/innen über einen ominösen leichten Tretwiderstand im Abregelbereich des Steps Antriebs. Das mag bei E-MTB Einsatz mit dicken Stollenreifen egal sein, aber im Straßenbetrieb wäre es ein Showstopper.

Mit dem wunderschönen Alpenchallenge AMP, zu dem ich hier irgendwann mal mehr schreiben werde, hat der Schweizer Edelhersteller BMC ein schnelles Straßen-Pedelec (ggfs. auch in “Cross”-Version), welches zum Schnellfahren auf Straßen kontruiert ist. Für mich war es schwer vorstellbar, daß die Schweizer in so ein Rad einen Motor bauen würden, der einen spürbaren Tretwiderstand oberhalb 25km/h aufweist. “Spürbar” ist in dem Zusammenhang ganz schwierig zu definieren, weil man spürt sowas eher beim Frustlevel, beim Fahrtschnitt oder bei der Zeitmessung, weniger unmittelbar beim Fahren).
Derlei Aussagen gab es sogar zu finden bei Direktvergleichen zwischen Steps Antrieben und Active Line Plus Antrieben. Dieses Thema hat mich sehr beschäftigt.

Dieser Blogartikel

Hier muß mal wieder lang nach der Erstellung des ursprünglichen Blogartikels eine Art spätes Vorwort rein. Ursprünglich war das tatsächlich mein Einstiegs-Vergleich zwischen dem Active Line Plus und dem Steps E8000, wobei ein paar allgemeinere Aspekte mit erwähnt wurden.
Inzwischen – mit zunehmender Steps Erfahrung – habe ich den Artikel mehrfach aufgebohrt und Betrachtungen einbezogen, welche über meine beiden konkreten Vergleichs-Pedelecs hinausgehen. Für einen Systemvergleich zwischen Shimano Steps und Bosch fehlt mir eigentlich die Erfahrung, so interessant das auch wäre. Ich kenne für einen umfassenden Systemvergleich nicht genügend Komponenten beider Hersteller, aber dann wiederum viele genug, um es eben nicht ganz zu lassen. Deshalb bitte ich darum, hier keine vollständige Betrachtung zu erwarten. Da fehlt sicher viel! Mein persönlicher Umstieg vom Bosch Universum in die Shimano Steps Welt ist trotz des Pedelec-Wechsels im Herbst 2020 längst nicht abgeschlossen. Deshalb wird es zu dem Thema weitere Nachreichungen und Folgeartikel geben.

Ersteindruck

Fahrgeräusch

Der Bosch Active Line Plus Antrieb ist in allen Betriebsmodi sehr leise und wirkt stets elegant. Es gibt kein Surren, keine nennenswerten spezifischen Geräusche, maximal ein ganz dezentes Grundgeräusch im Betrieb, welches aber bereits bei minimalen Reifen- oder Windgeräuschen sofort übertönt wird. Am Abregelpunkt des Antriebs ist es akustisch nicht feststellbar, ob der Motor noch mitschiebt, oder man bereits antriebslos pedaliert. Dieser Antrieb nervt niemals, sondern ist super angenehm zu fahren.

Anders beim Steps E8000: dieser Antrieb surrt laut und ist in jeder Fahrsituation deutlich vernehmbar. Am Abregelpunkt stoppt oder startet das Geräusch des Motors deutlich aber punktgenau, man weiß somit auch ohne Unterstützungsanzeige jederzeit, was Sache ist. Das teilweise unelegante dominante Fahrgeräusch dieses Antriebs lässt ihn auf den ersten Blick subjektiv unausgewogen, etwas grob und wenig fahrradspezifisch wirken. Ich war auf den ersten Kilometern mit dem Steps zunächst enttäuscht, bis ich dann zwischen dem Fahrgeräusch und den technischen Eigenschaften dieses Antriebs zu unterscheiden lernte.

Fahrcharakteristik

Man muß wirklich ein bisschen länger fahren, um die Aufmerksamkeit von dem mühsam klingenden Fahrgeräusch des Steps wegzubekommen, und sich stattdessen auf dessen technische Fahrcharakteristik zu konzentrieren. Das lohnt sich, denn dann kann man erst feststellen, wie gut der Steps eigentlich ist.
Man liest beim Steps E8000 immer wieder vom abrupten Ein- und Ausregeln. Das geschieht akurat und punktgenau, und durch das hart einsetzende Geräusch wirkt es subjektiv ruppig.

Der Active Line Plus Antrieb agiert am Abregelpunkt vollkommen anders. Es kommt im Übergangsbereich zu einem “Begrenzerruckeln”, wie ich es nenne. Im Abregelbereich gefahren beginnt der Motor zu stottern, wechselt ständig zwischen An und Aus, agiert da also im Gegensatz zum Steps nicht akurat punktgenau, sondern so als ob er sich nicht recht entscheiden könnte. Er tut das aber sehr leise. Man muß aufmerksam sein, um es mitzubekommen.

Eleganter ist das Bosch Verfahren, aber funktional finde ich das punktgenaue Einregeln von Shimano akzeptabel, sofern ich mich an das Geräusch gewöhnt habe.
Beide Antriebe können gut mit Schaltvorgängen bei Kettenschaltung umgehen. Der Steps tut das womöglich noch einen Tick feiner als der Bosch, aber man kann in keinem Fall meckern.
Beim Anfahren und Beschleunigen agiert der E8000 kräftiger, sowohl bei niedriger Kadenz, als auch bei schnellem Treten, wo er etwas weiter und kräftiger mitgeht als der bei ca. 100rpm verebbende Bosch.

Konstruktion

Visuell – also unter Betrachtung der Konstruktion von außen – sehe ich als Freund aktueller Fahrradtechnik den Shimano als klaren Favorit. Im Detail hat man die kleine schmale Bauform mit weniger Masse. Bosch kann da mit dem neuen kleineren Performance CX gegenhalten, nicht aber mit den eigentlich sehr guten Gen 3 Performance Line und Active Line Gehäusen, welche im Vergleich fast schon klobig ausfallen, vor allem wegen des linksseitig weit herausstehenden Motors.
Dann sehen wir uns mal den Geschwindigkeitssensor an. Bei Bosch realisiert sich der als schwerer klobiger Speichenmagnet mit einem großen Sensor auf halber Länge der Kettenstrebe als zusätzliches Teil. Bei Shimano: alles fast unsichtbar. Ein Magnet in der hinteren Shimano Bremsscheibe integriert (ok, man kann über die Einschränkungen solcher Spezialteile meckern) und ein Sensor, der filigran und total unauffällig im linken hinteren Ausfallende angeordnet ist. Das ist einfach schön. Bei diesem Vergleich tut einem die Bosch Lösung fast weh.

Und jetzt zur Kurbelachse: Bosch hat eine dünne Achse mit Mini ISIS bzw. ISIS Kurbelanschluß, Shimano hingegen eine leichte voluminöse Hollowtech-Hohlachse, mittels derer sich die geklemmten Kurbelarme nahtlos am Motorgehäuse drehen. Das ist viel eleganter, noch dazu gibt es keinerlei Schleifstellen mit dem Antrieb, wohingegen man bei Bosch fast noch Oldstyle Vierkant Flair mit Abstand zwischen Kurbel und Motor hat, und die linke Kurbel u.U. ganz leicht an der Motorabdeckung schleifen kann. Natürlich kann einem das egal sein, es ist überhaupt kein Problem, aber wer aktuelle Radtechnik schätzt, landet auch hier beim Steps Antrieb.
Als vierten Punkt möchte ich noch das 6-Schrauben-System der Shimano Motoraufhängung anführen, welches das einfache Abklappen des Antriebs erlaubt, weil die Haltebolzen gut zugänglich und sehr praktisch angeordnet sind.
Ob der Lichtanschluß bei Shimano als Kabelklemmen, bei Bosch als Systemstecker nun so oder so besser gelöst ist, darf individuell entschieden werden 😉

Unterstützungsstufen

Die vier Unterstützungsstufen des Bosch Active Line Plus, nämlich Eco, Tour, Sport und Turbo haben mir über die gesamte Nutzung des Pedelecs gut gefallen. Jede dieser Stufen hat im Straßenbetrieb ihren Sinn, sie sind gut unterscheidbar, und ich hätte mir da nichts anderes eingestellt. Das ist zum Straßefahren eine sehr gute Lösung ab Werk.

Beim E8000 gibt es drei Unterstützungsstufen namens Eco, Trail und Boost. Wenngleich ich so eine Namensgebung passender finde als beispielsweise “Sport” oder “Turbo”, so erklärt es sich nicht von selbst. Eco ist eine geringe und natürlich eingangsdrehmomentgesteuerte Unterstützung (fixer Prozentsatz additiv zum Eingangsdrehmoment), leider auch bereits sehr laut. Trail ist ein progressiver Modus, der je nach Pedaldruck zwischen Eco und Boost variiert. Ich mag diesen dynamischen Modus gerne. Effektiv ist es für mich ein starker Unterstützungsmodus, da ich meistens hohe Eigenleistungen fahre. Boost ist wiederum dann ein permanent starker Unterstützungsmodus, der die Antriebsleistung prozentual zur Eigenleistung addiert.
Die Modi lassen sich beim E8000 per App eingeschränkt konfigurieren.

Welches der beiden Stufenmodelle ich bevorzuge, kann ich heute noch nicht sagen. Beide haben ihre Vorteile. Das System von Bosch ist intuitiver, einfacher verständlich. Das Shimano System erlaubt eine gewisse Individualisierung. So habe ich mir beispielsweise den Eco Modus wirklich zum “Minimal Assist” Modus gemacht durch eine 200W Maximal-Leistungsbegrenzung (statt normalerweise 500W), ein niedrigeres Unterstützungsverhältnis, sowie ein niedriges Drehmomentlimit. Damit bleibt dieser Modus stets relativ leise, ist akkuschonend und dennoch stark genug, die lange Sekundärübersetzung von 44 zu 34 des BMC Alpenchallenge Amp in steilen Anstiegen gut zu kompensieren. Auch den progressiven Trailmodus habe ich etwas gekappt, damit dieser nicht bereits bei mittlerer Eigenleistung die volle Antriebsleistung liefert. Das hat zwar etwas Maximalleistung gekostet, aber die kann ich ggfs. manuell im Boost Modus auspacken, wenn es nötig wäre.
Ich denke, diese Anpassungen betreffen spezielle Anforderungen, die ich bei meinen Straßenfahrten habe. Wer E-MTB fährt, wird andere Präferenzen setzen, und das kann man mit dem Steps System tun.

Leistung, Dosierung, Kadenz

Die unterschiedlichen Unterstützungsmodi wurden bereits beschrieben. Es folgt eine subjektive (aber nicht gemessene!) Beurteilung der Antriebsleistung. Als erstes gilt bei mir mal, daß das mühsame leiernde Surren des Steps diesen subjektiv schwächer wirken lässt als er ist. Im Gegenzug wirkt der Bosch aufgrund seines fast lautlosen Betriebs eher stärker als er ist. Der Bosch schiebt einfach an, was super angenehm ist.
Technisch hat das Steps Rad ein 44er Kettenblatt mit 11-34 Kassette. Das Bosch Rad hatte ein 38er Kettenblatt mit 11-34er Kassette. Es wird schnell klar, daß der Steps bergauf trotz des mühsamen Geräusches deutlich stärker ist, denn man kommt mit der erheblich längeren Übersetzung sehr gut klar und schaltet keineswegs kürzere Gänge als beim Bosch, bei stets realistischer sportiver Kadenz.

Leistungsvisualisierung Steps E8000: 13% Asfaltrampe, Boostmodus (Low-Setting), 110kg Systemgewicht, hohe Eigenleistung: Min.19km/h.
Leistungsvisualisierung Steps E8000: 13% Asfaltrampe, Boostmodus (Low-Setting), 110kg Systemgewicht, hohe Eigenleistung: Min.19km/h.

Inzwischen kommt mir auch vor, daß der Steps der feinfühliger und organischer agierende Antrieb ist, obgleich der neuere Bosch Antrieb diesbezüglich ebenfalls gut ist. Da gibt es keine Kritik. Ich ersehe dies vor allem an Wiegetrittsequenzen bei hoher Unterstützung, wo der E8000 total synchron und organisch mitgeht, also einem das natürliche sportliche Radfahren vollkommen lässt. Der Bosch hat dabei ein minimal stärker spürbares Eigenleben, welches bei höherer Wiegetrittkadenz aber auch akzeptabel ist.

Wiegetritt ist jedoch eine Shimano Stärke, wenn man das so will. Und das gilt auch in Nuancen, vom höchsten Roß herabgejammert für Schaltvorgänge. Aber auch hier keine Kritik. Beide Motoren machen das sehr gut.
Was die Kadenz angeht, unterstützt der Steps wie bereits beschrieben obenraus etwas stärker und weiter bis zum Kadenzabregeln. Der Bosch verebbt bei ca 100rpm mit nurmehr geringer Unterstützung.
Am Rande sei noch gesagt, dass aus meiner Sicht der Active Line Plus kein geeigneter Offroadantrieb ist, sobald es trialartig und derb wird. Das kann dieser Antrieb nicht. Dazu fehlt ein bissiger Einsatz bei niedriger Drehlzahl. Der Shimano sollte das besser können, denn er kann ggfs. spontan kräftig zur Sache kommen, und das spürt man glaube ich auch. E-MTB Einsatz ist hier aber kein Thema, das lasse ich aussen vor.

Display und Bedienung

Bosch Kiox vs Shimano Steps SC-E8000

Dieser Punkt geht auf den ersten Blick an Bosch, zumindest so lange man sich nicht tiefer ins Shimano System reingräbt.
Entweder man nutzt das Purion Display, welches simpel, logisch und einsteigerfreundlich ist. Oder man nutzt das moderne kleine Kiox, welches dem Shimano SC-E8000 Display in punkto Funktion überlegen ist. Also wer sich für Daten interessiert, kommt in diesem Vergleich nicht am Bosch vorbei. Die Features des Kiox Displays am Active Line Plus Antrieb sind hier im Blog umfangreichst beschrieben, deshalb spare ich mir Details und verweise mal allein auf die Eigenleistungsanzeige, die konfigurierbaren Dashboards, sowie das Navigationsfeature in Verbindung mit dem Smartphone und der Bosch App.

Shimano hingegen punktet zwar durch das elegant kleine, besser am Lenker anzubringende und stets sehr gut ablesbare SC-E8000 Display, aber was die technischen Funktionen und Anzeigen angeht, sowie auch die Bedienlogik, da ist das ganze ein eher rudimentäres Tool: Nicht gänzlich verzichtbar, aber irgendwie nicht ganz das, was man sich als User erwünscht. Selbst die wenigen anzeigbaren Werte sind teilweise ohne Kommastellen, die Akkukapazität gibt es nur ganz grob ohne Prozentwert, die Bedienlogik ist etwas eigenwillig. Licht wird beim SC-E8000 Display in einem Submenü eingeschaltet, welches nur im Stand erreichbar ist! Und es gibt dafür keinen Marker in der Anzeige. Und leider ist bei meinem SC-E8000 Display auch die BT Funktionalität stark eingeschränkt, so daß man die eigentlich sehr gute Idee der Garmin Navi Konnektivität mit diesem Teil nicht nutzen kann. Die E-Tube Ride App, welche beim Shimano System zur Fahrtaufzeichnung und -steuerung genutzt werden kann, ist mit meinem SC-E8000 Display nicht kompatibel. Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn man einen EW-EN100 ANT+/Bluetooth Dongle statt des Displays verbindet: hier ein Screenshot aus der E-Tube Ride App, die über diesen ANT+ Dongle ans Rad verbunden ist:

Screenshot Shimano E-Tube Ride App
Screenshot Shimano E-Tube Ride App

Mehr dazu liest man in diesem neueren Blog Artikel: Shimano Steps Tools.
Steigt man tiefer ein, dann wird es etwas unübersichtlich mit den Features der einzelnen teils ähnlich aussehenden Displaytypen, mit der Kompatibilität und den Anschlußkabeln. Aber man hat immerhin eine große Auswahl.

Und wer DI2 Schaltungen mag und diese elektronisch perfekt integriert haben möchte, wird auch bei Shimano bedient – naturgemäß. Dann will man das haben.

Letzter Punkt hier: das Shimano Bus System ist cool: Coaxial-Steckverbinder mit feiner präziser Rastung, Elemente in beliebige freie Buchsen stecken, flexible Kombinierbarkeit mehrerer (indes nicht aller) Komponenten. Es ist komplizierter als Bosch, aber erlaubt dafür viel mehr Kombinationen, sowie auch speziell sehr elegante minmialistische Lösungen, z.B. ein Rad praktisch ohne Display (ggfs. sogar ohne Lenkerschalter) zu betreiben mittels des 6g leichten EW-EN100 ANT+ /BLE Adapters als Display-Ersatz und einem Garmin Navi (oder einfach dem Smartphone) als Display, wie in obigem Screenshot gezeigt. Sowas gefällt mir dann auch wieder gut. Ein aufgeräumter Lenker ist viel wert. Das geht bei Bosch meiner Kenntnis nach am ehesten mit deren Cobi System, welches das Smartphone als Display verwendet. Ohne dieses System zu kennen, vermute ich, daß es viel mehr kann als die Shimano E-Tube Ride App am Smartphone. Allerdings bedarf Cobi so weit ich weiß einer Sockel-Vorrüstung und ist insofern doch eher ein fest installiertes Display.
Detaillierte technische Information bietet Shimano in deren Händlerhandbuch (PDF). Superinteressant, wie ich finde.

Einstellungen, App, Daten

App

Beim Vergleich der Bosch E-Bike Connect App vs Shimano E-Tube App (und ggfs. E-Tube Ride App) wirds schwierig. Beide Apps haben zuweilen Probleme. Bei Shimano kann der initiale Connect ein Gefrickel sein. Bei Bosch kann die dauerhafte Verbindung während eines Kiox Routings oder einer Fahrtaufzeichnung u.U. fragil sein. Shimano erlaubt die eingeschränkte Konfiguration der Modi. Bei Bosch bräuchte man dafür m.W. ein Nyon Display. Allerdings gibt es bei Shimano DEN starken Punkt: Der gesamte Firmwareupgrade aller Antriebskomponenten kann zu Hause via App erledigt werden. Wenngleich das zuweilen auch nicht ganz unproblematisch ist, bevorzuge ich das bei weitem gegenüber dem unflexiblen Bosch-Händlerzwang, der mich von Anfang an genervt hat, und der (Update 09/2021) mit dem 2022er Bosch System endlich wegfällt!
Bosch bietet beim Kiox Display die Verbindung ins Webportal mit umfangreicher grafischer Fahrauswertung und Datenexport, sowie das coole Navigationsfeature in Verbindung mit der App. Großes Plus für Bosch. Bei Shimano hat man die E-Tube Ride App am Smartphone für Fahrtaufzeichnung und Navigation, sowie eben die Möglichkeit, ein Garmin Navi zu connecten. Hier steige ich aktuell gerade erst ein und muß viel ausprobieren, weil mein serienmässiges SC-E8000 Display von dieser App – anders als von der E-Tube App – nicht unterstützt wird. Das wird sich nach dem Einbau des EW-EN100 ANT+ Adapters ändern, dann mehr dazu.

Systemoffenheit

Es gibt einen besonderen Shimano Vorteil: das System ist “offener” als Bosch. Bei Problemen wie z.B. einem ab Werk völlig uninitialisierten und damit kaum betreibbaren Rad(!) gibt es notfalls Möglichkeiten der Selbsthilfe und auch zum Feinsetup via bestimmter Android Apps. Bei Bosch bist du da aufgeschmissen, falls das dort überhaupt vorkommt, was ich nicht weiß. Dort heisst es zwangsweise Händler und Hersteller-Fernwartung. Mit dem Händler um die Ecke geht das, aber wenn der Händler weiter weg ist, dann wirds jetzt mühsam und nervig.
Da dieses Thema aber heikel ist, und ich auch keinerlei Ambitionen bezüglich nicht regelkonformer Eingriffe habe, gehe ich auf diesen Punkt nicht näher ein, so hilfreich das in besagtem Servicefall auch sein kann.
Es sei aber sowohl auf die Shimano E-Tube App, sowie Windows Software hingewiesen. E-Tube ermöglicht Einstellungen via Bluetooth oder mittels des PC Interface. Bei letzterem hat man auch hilfreiche Diagnosen (z.B. Service Bericht oder Fehler auslesen). Das ist sehr cool.

Anzeigegenauigkeit

Und einen dritten starken Punkt Pro-Shimano führe ich an: bei Bosch hat mich immer die im System implementierte künstliche Abweichung der Tachoanzeige geärgert. Diese ab Werk bis zu 10% voreilenden Geschwindigkeitsanzeigen sind lächerlich und unnötig. Zudem hat man bei Tachoanzeige und Kilometerzähler unterschiedliche Abweichungen. Eine von Bosch vorgesehene Eichung der Geschwindigkeitsanzeige (bis -5% Korrektur) verfälscht dann den Kilometerzähler etwas. Das ist faktisch nicht schlimm, aber als Radfahrer nimmt man es da relativ genau, und dann ärgert es mich. Hinzu kommt, daß auch der Fahrtschnitt betroffen ist, der wiederum nicht ganz zur Momentangeschwindigkeit passt, bzw. deutlich vom Garmin Wert abweicht. Diese Konsistenzungenauigkeiten mindern den Wert der Daten im Bosch Portal.
Wie sieht es da bei Shimano aus? Da ist bei korrekt eingestelltem Radumfang alles konsistent mit dem parallel laufenden Garmin Edge mit Speedsensor am Hinterrad. Zwar zeigt das Display nicht immer Kommastellen an, aber am Tourende sieht man, daß akurat gemessen wird. Ist der Radumfang im System exakt eingestellt, so kommt man auch gut mit dem Abregelpunkt bei 25km/h klar. Bosch schien mir phasenweise (Firmwarestand? Dieser Punkt scheint undurchsichtig) mehr oder weniger defensiv abzuregeln, zeitweise klar unterhalb von 25km/h, auch eine Folge der ab Werk offenbar recht grosszügig gewählten System-Radumfangswerte, welche natürlich unveränderlich sind
Also Punkt für Shimano.

Akku

Für glaubwürdige Berichte zu Reichweite und Akkuverbrauch ist es derzeit zu früh. Man liest im Web häufiger, daß Shimano 504Wh Akkus wie mein Steps BT-E8010 gegenüber den Bosch Powerpack 500Wh unterlegen sind und effektiv ewas weniger Strom liefern.
Mit der ersten Akkuladung bin ich ca 130km und 1300 Hm gefahren, um mit einem roten Rest-Balken im Display bei immer noch voller Antriebsleistung im Trailmodus heimzukommen. Das entspräche schon grob meinen Bosch Erfahrungen mit dem neuen Rad vor zweieinhalb Jahren. Allerdings liest man, daß bei Shimano die letzten beiden Balken nicht mehr wirklich verlässlich sind, und die zweite Akkuladung scheint dies in der Tat zu bestätigen. Zudem hätte die Lichtreserve einen stark spürbaren Einfluß, was bei mir momentan dank deaktivierten Lichts nicht ins Gewicht fällt. Bei Bosch hingegen ist die Lichtreserve nur marginal spürbar.
Vom Bosch Active Line Plus mit dem 500Wh Powerpack Akku kenne ich einen völlig problemfreien Betrieb mit super Reichweiten. Die von den Displays angegebene Restkapazität ist vertrauenswürdig. Ein stark nichtlinearer Verfall gegen Ende kommt nicht vor. Der Bosch Akku bleibt zwischen den Fahrten exakt auf dem letzten Stand. Alles ist vorhersagbar. Bosch ist hier die Messlatte.
Beim Shimano habe ich bereits bei der ersten Fahrt das Phänomen, daß nach Ankunft mit drei von fünf Restbalken die nächste Fahrt wieder mit vier Balken startete und auch eine Weile vorhielt. Inwieweit nun ein Verfall innerhalb der letzten beiden angezeigten Balken eintritt, ist zu ergründen.
Es ist offensichtlich, daß der stärkere E8000 Motor auch deutlich mehr Strom braucht, zumal er auch hart am gesetzlichen Abregellimit arbeitet, im Gegensatz zum defensiv frühzeitig abregelnden Bosch. Diesbezüglich rechne ich insofern garnicht mit einem vergleichbaren Reichweitenwert. Allerdings relativiert das leichte und schnelle Neurad die Sache natürlich wieder ein bisschen.
Unterm Strich ist für mich inzwischen Bosch quasi der Chef des Akkumanagements, weil deren Reichweite erstens sehr gut ist, zweitens die Akkuverwaltung stets einsichtig, sinnvoll und hilfreich ist, wohingegen Shimano die eine oder andere Überraschung birgt. Es gibt inzwischen auch schon einen detaillierteren Fahrversuch in diesem Blogpost: Eco Reichweite Steps E8000 im BMC Alpenchallenge Amp

Gensleiten bei Taubenbach, BMC Alpenchallenge
Gensleiten bei Taubenbach, BMC Alpenchallenge

Freilauf, Tretwiderstand

Das ist nun der Schlüsselpunkt meines Blogschriebs, denn hätte der Steps E8000 einen Tretwiderstand im Abregelbereich des Antriebs, sprich oberhalb von 25km/h, dann wäre dieser Antrieb im schnellen Straßenrad meiner Meinung nach für die Tonne. Und ich hätte es wie schon gesagt auch nicht geglaubt, daß BMC als Schweizer Hersteller edler schneller Fahrräder so etwas konfiguriert. Nun, die entsprechenden Testaussagen einschlägiger Magazine im Web existieren aber trotzdem.
Aktuell kann ich das nur auf Unerfahrenheit mit Pedelecs zurückführen, auf das Gefühl am Abregelpunkt, auf einen minimalen Leerwiderstand beim Drehen der Kurbel ohne Kette, was etwas weniger leichtgängig ist als bei einem antriebslosen Innenlager, und übrigens auch beim Active Line Plus Antrieb.
Aber ein erkennbarer hinderlicher Tretwiderstand beim E8000 im abgeregelten hohen Geschwindigkeitsbereich, sowie im Betrieb mit deaktiviertem Antrieb ist für mich nicht vorhanden, genausowenig wie beim Bosch Active Line Plus Antrieb. Beide Motoren eigenen sich gut für schnelle Straßenräder. Der E8000 ist etwas leichter und vor allem kleiner und schmäler, was ich super finde. Das integriert sich besser in den Rahmen. Dafür ist er teilweise unangenehm laut im aktiven Betrieb (was oberhalb von 25km/h vollkommen egal ist, also insgesamt beim Straßenrad weniger schlimm als es klingt).
Der Active Line Plus ist ein unglaublich elegant und angenehm laufender Antrieb, jederzeit auch sportlich fahrbar, also ohne die/den Fahrer/in irgendwie zu behindern, und insofern gibt es da schon eine gewisse Vergleichbarkeit. Aber eben auch Unterschiede, die man bei so einer Wahl bedenken sollte.

Mit meiner bereits beschriebenen gestrigen Runde mit persönlichem Pedelec-Fahrschnitt-Rekord glaube ich, belegen zu können, daß am E8000 Motor nichts bremst. Auch bei Fahrten mit meiner Frau zusammen, wo ich phasenweise auf den Antrieb verzichtet habe, zeigt sich das BMC Alpenchallenge Amp Sport Ltd mit dem E8000 Motor als schnelles leichtgängiges Rad. Soweit ich mich technisch einlesen konnte, hat der Shimano Antrieb intern eine extrem aufwendige Konstruktion zur Ermittlung des Eingangsdrehmoments, aber grundsätzlich ist die Kurbelwelle beider Motoren freilaufend, also vom restlichen Antrieb entkoppelt – wenn ich alles richtig verstanden habe. Ich persönlich habe insofern hier keine weiteren Fragen und widerspreche so mancher Quelle im Web, wo dem Steps E8000 irgendeine ominöse Art von “Tretwiderstand” attestiert wird. Nein, mein BMC ist schnell, macht in jedem Fahrzustand Freude und es gibt keinerlei spürbare in irgendeiner Art bremsende Einflüsse des Antriebs.

Freilauf Videos

Hier zum abschließenden Vergleich lastfreie Freilauf-Videos von Shimano Steps E8000 sowie Bosch Active Line Plus 2018 jeweils nach dem Einfahren des Antriebs bzw. der Lager. Der Active Line Plus hat einen extrem leichtgängigen Freilauf, der sich nicht nennenswert von einem normalen Innenlager unterscheidet. Der eingefahrene Steps dreht nicht ganz so lang nach, läuft aber ebenfalls leichtgängig. Die Aussagekraft solcher Tests ist sehr beschränkt, denn wie es unter Last aussieht, ist nochmal ein anderes Thema. Aber theoretisch können täten beide Antriebe.

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