E-Roller Devianz

“Abuse” im Sinne von “Up-Use” unseres kleinen leichten NIU NQI Sport E-Rollers soll hier das Thema sein. Knapp 65km hügelig mit diesem Fahrzeug, und zwar regelmässig und mit quasi 100% Ankommensgarantie, ist das machbar und sinnvoll? Die Mehrzahl unter den motorisierten Zweiradfahrern würde das vermutlich kategorisch verneinen.
Jedoch: die Machbarkeit habe ich bereits zweimal bewiesen, allerdings unter unwürdigen Bedingungen, stark geduckt und mit reduzierter Geschwindigkeit. So reicht tatsächlich ein 1740Wh LiIon Akku für die einfache Distanz hinwärts, die deutlich anstrengender ist als zurück. Heimwärts, wo es mehr bergab geht und meist kein so starker Gegenwind herrscht, reicht es recht locker, in einem Fall sogar mit einem nennenswerten Umweg! Aber diese grenzwertige Machbarkeit ist kein valides Kriterium für regelmässiges Fahren. Normalerweise muß es mit maximal möglicher Geschwindigkeit und ohne Verrenkungen am Fahrzeug gehen. Und sowas habe ich bereits früher auf genau dieser Strecke mit dem Honda Zoomer gemacht. Allein daran, mit einem 45km/h Fahrzeug solche Distanzen zu machen, wird es bei mir insofern nicht scheitern, das kann ich sagen.

Why?

Das ist zweifellos eine berechtigte Frage. Mit dem Thema “Ernsthafter Pendlereinsatz des NIU” habe ich mich mehrmals aus technischem Interesse, aus Kosten-, Umwelt- und aus Optimierungsgedanken heraus befasst, es aber aus obigen Gründen als schwierig, sehr zeitaufwendig und kaum praktikabel eingestuft.
Indes, inzwischen gibt es (leider) einen fast zwingenden Grund. Bahnfahren in den typischerweise voll besetzten Schülerzügen ist in der aktuellen Situation nicht unbedingt mein oberster Wunsch, und Motorradfahren ist derzeit ganz stark erschwert aufgrund einer Problematik, die mich bereits zum Vorbauwechsel am BMC Alpenchallenge Pedelec zwang. Es hat akut mit der Sitz- und vor allem der Kopfposition zu tun, und ich ersehe momentan keine zeitliche Perspektive für Besserung. Jetzt muß also doch der NIU herhalten, auf dem das Fahren in einer etwas eigenartig nach hinten geneigten Position schmerzfrei möglich ist, ohne den Blick von der Straße nehmen zu müssen.

Wie?

Sobald die Landesgrenze wieder unkompliziert in Richtung Arbeitsort passierbar wird, werde ich mich damit also arrangieren, und dazu sind vorbereitend einige Dinge zu tun:

  • Zweitakku: Daran führt kein Weg vorbei. Der Niu Roller hat unter dem Sitz einen Stauraum, worin mit Hilfe vorhandener Aussparungen ein Zweitakku exakt eingesetzt werden kann, ohne elektrischen Anschluß versteht sich. Man wird also in der zweiten Hälfte der Fahrt einen Akkuwechsel vornehmen müssen, was aber bei diesem Fahrzeug recht simpel und schnell machbar ist. Problem hier: diese Akkus kosten richtig viel Geld. Andernfalls hätte ich das wohl früher schon gemacht, denn ich fahre ja sehr gern mit dem Ding.
  • Ladegerät: man wird ein Ladegerät mitführen müssen. Dieses sollte halbwegs klein und leise im Betrieb sein. Das ist bei NIU zum Glück so gegeben.
  • Entnehmbare Akkus: weitere Voraussetzung ist, daß der bzw. die Akkus problemlos entnehm- und tragbar sind. Bei diesem Roller hat ein Akku 10 kg und einen praktischen Tragehenkel. Also alles gut.
  • Lademöglichkeit: man wird am Arbeitsplatz für eine Lademöglichkeit und -erlaubnis sorgen müssen. Da die Akkus je nur gut 1,7kWh Kapazität haben, halten sich die Ladekosten sehr in Grenzen. Die einfache Fahrt entspricht bei österreichischem Strompreis etwa den Kosten eines “Premium-“Kaffeetabs.
  • Klamotten: Sicherheitsfanatiker können das folgende nicht lesen. Für derartige Fahrten ist meine persönliche Hauptsorge, daß die Klamotten praktisch, möglichst wenig auftragend und dabei einigermassen wetterfest sind. Ich werde nicht im Leder auf dem E-Roller sitzen. und auch der schrankbreit im Wind stehende Pendler-Overall ist hier Overkill und bringt nur unnötig Luftwiderstand. Vielmehr wird man einige hoffentlich etwas polsternde Schichten an normalen Klamotten nehmen, die auch tagsüber im Büro irgendwo Sinn haben, zudem natürlich immer Handschuhe. Dieser Kompromiss wird nötig sein. Die überwiegend kaum befahrenen ländlichen Kleinstraßen erleichtern das.
  • Laderaum: Der Zweitakku füllt den Stauraum unter dem Sitz. Mit Glück passt darunter vielleicht noch das Ladegerät. Der Rest an Kram muß in einen Rucksack. Mein großes Notebook hätte ohnehin nicht unter den Sitz gepasst, also ist der Rucksack in jedem Fall unvermeidlich.

Goodies

Es ist aber nicht nur vermeintliche Mühsamkeit, die man in Kauf nimmt, sondern man gewinnt einige echt praktische Dinge damit:

  • Händlerfahrt: Mit Zweitakku wird die Fahrt zum regelmässigen Händlerservice kein logistischer Supergau mit Leihtransporter mehr sein, sondern man nimmt einen Akku für die Hinfahrt und einen für die Rückfahrt. Dieses derzeit noch sehr nervige Thema ist somit vom Tisch. Beim sehr oreisgünstigen Servicetermin dieses Rollers ist einerseits nicht viel zu tun, andererseits möchte ich aus Garantie- und Wertverlustgünden unbedingt den Werkstattservice des Händlers nutzen.
  • Fahrerlebnis: Klar, das wird kein Supermoto Trip über abgelegene italienische Traumstraßen. Das meine ich auch nicht damit. Aber mit dem Ding total lautlos und allein abends durch die oberösterreichischen Flatlands und Waldstücke zu rollen hat was Entrücktes, etwas fast Raumschiffartiges. Das ist auch nochmal anders, als mit dem Rad zu fahren. Es ist ganz eigen, und ich schätze das, grade nach Bürotagen. Für mich ist das ein wunderbarer Aspekt von Elektromobilität, den man vermutlich nichtmal mit E-Autos haben wird, denn bei denen sind immer die Reifenabrollgeräusche präsent. Der Roller mit dem Radnabenantrieb hingegen ist lautlos. Da hört man beim Dahinfahren nur den Wind am Helm, sonst garnichts.
  • Kosten und Footprint: Ein Thema, daß ich schon immer im Hinterkopf herumtrage, bereits in alten Zweitaktzeiten, umsomehr in Viertaktzeiten, und jetzt mit Elektroantrieb natürlich ganz besonders. Manchen Motorradfahrern scheint das vollkommen egal zu sein, und darüber wundere ich mich. Es macht Freude, wenn ich weiß, daß das Ding hier minimalen Aufwand und Wirbel macht, Nervpotential und Fahrtkosten hart an der Nullnummer sind, und auch der Wartungsaufwand extrem gering ist. Ich rechtfertige mit diesem Argument niemals gähnende Langeweile (dann lieber zu Fuß), aber wie beschrieben, derartige Minimalmobilität finde ich nicht prinzipiell langweilig. Ich würde hingegen nicht mit einem Mofa durch die Alpen fahren wollen. Also das ist alles wohl sehr individuell.
  • Rüstzeit: Die beim Motorradpendeln im Alltag auf die Dauer doch erhebliche und auch nervige Rüstzeit aufgrund des Umziehens, Packens usw. reduziert sich hier auf ein Minimum. Das kann man von der längeren Fahrzeit abziehen.
  • Das Motorrad: Und keine Frage: die MT wird wieder gefahren. So vorsintflutlich einem Verbrennungsmotoren bereits nach kürzester Zeit der Nutzung von E-Fahrzeugen auch vorkommen, aber ich weiß immer noch, woran ich da bin und kann zumindest den genialen CP2 Motor und die Fahrdynamik eines Motorrades voll genießen. Das eher mässige Fahrwerk der MT ist weiterhin ein Thema, aber you get what you pay for, und insofern darf man nicht jammern. Der E-Roller hat überhaupt kein “Fahrwerk”, also es ist dann schon ok.
Niu Elektroroller, Asenbergalm
Niu Elektroroller, Asenbergalm

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