CE 04 Kauf

BMWs Definition von „urbaner Mobilität“

BMW Motorrad kommuniziert, bei Motorrollern, also urbanen Zweirädern zu 100% auf Elektro gehen zu wollen. Und man hat bereits vor vielen Jahren erfolgreich damit begonnen. Das sieht viel besser aus als das unambitionierte Dahingetue mancher etablierter Motorradhersteller, von denen bis dato eigentlich fast nichts kam außer große Worte. Bei mir ergab sich daraus nun ein riesiges Projekt: zum einen das mit weitem Abstand teuerste jemals gekaufte Zweirad, und zum anderen ein großes Experiment betreffend der Zweiradmobilität, ein Paradigmenwechsel, ein völlig anderes Fahren, ein Neustart meiner Motorradzeit. Und das wird das wirklich Spannende daran.

Ein Fahrzeugkauf dieser Größenordnung geht bei mir nicht locker. Im Herbst 2020 war der CE 04 serienreif vorgestellt worden, und man durfte davon ausgehen, daß er wirklich so auf den Markt kommt. Mein Interesse war sofort geweckt, und das große Spekulieren begann: Technische Daten, Design, Preis, Usecases, usw.. Zunächst ging ich nicht davon aus, mir das Fahrzeug überhaupt leisten zu können. Ja, und am heutigen Tage, Freitag der 13. Mai, eine Glückszahl quasi, habe ich meinen CE 04 vom BMW Händler abgeholt. Danke an meinen Händler für die kooperative und sehr entgegenkommende Abwicklung!
In diesem inzwischen komplett runderneuerten und aktualisierten Blogartikel erzähle ich meine CE 04 Geschichte, eigentlich die Geschichte meines Komplettumstiegs auf Elektroantrieb. Als Einzelperson in unserer Familie besitze ich kein Verbrennerfahrzeug mehr, dafür bin ich neuerdings BMW Fahrer, und wenn mir das früher jemand prophezeit hätte, ich hätte es nicht geglaubt.

Big Change

Einzylinder, maximal Zweizylinder, am liebsten leicht und agil, motorisch spontan ansprechend, das waren von Anbeginn an meine liebsten Motorräder. Darunter waren Enduros, Supermotos, reine Straßenmotorräder, ein kleinerer Tourer, sowie diverse Motorroller der 50er und 125er Klassen. Von schweren, sehr starken, exklusiven teuren Motorrädern habe ich mich immer ferngehalten, daran fehlt mir eigentlich bis heute das Interesse. Dem kam nun das seit vielen Jahren bestehende Interesse an Elektroantrieben in die Quere. Es gibt kein leichtes Elektromotorrad am Markt, mit dem man auch nur einigermassen weit kommt ohne in Schleichfahrt verfallen zu müssen. Das ist technisch einfach nicht drin. Und im Budget-Bereich schon gar nicht. Finanzielle Förderung für Elektromotorräder gibt es bei uns am Land nicht.

  • Konsequenz 1: Das Fahrzeug wird schwer.
  • Konsequenz 2: Das Fahrzeug wird teuer.
  • Konsequenz 3: Keine längeren Etappen möglich
  • Konsequenz 4: Dann soll es bitte lässig sein.

Mein Anspruch auf agiles leichtgewichtiges Handling wird somit notgedrungen fallengelassen. Die Zeit der ambitionierten anspruchsvollen 750km Friaulrunden ist vorbei, und die Zeiten mit Endurosport oder Rennstrecken sowieso. Heute wuchern die 70er Beschränkungs-Taferl selbst in unserem dünn besiedelten Hinterland aus dem Boden, in der Kleinstadt eskaliert der Autoverkehr uferlos, trotz der Spritpreise. Freies Fahren wird immer seltener. Dann passt man sich halt an.
Ich weiß nicht, wie lange und wie viel ich über diesen Schritt gegrübelt habe, ob ich meinen Wunsch nach Elektromobilität beim Motorradfahren so teuer bezahlen will.

Letztendlich ist das nun passiert, die Finanzierung war dank Motorradverkaufs und anderweitiger Gebrauchtverkäufe seriös, aber keineswegs locker machbar. Und jetzt steht das Teil hier. Der CE 04 ist ein mächtig großes Fahrzeug, also breit und lang, und noch dazu schwer, man kann es drehen und wenden wie man will. Das ist kein Leichtbau. Dem gegenüber steht das bemerkenswerte Design, welches meiner Meinung nach in der weißen Farbe am besten zur Geltung kommt. Und erstmals überhaupt habe ich nun ein Motorrad mit „Premiumausstattung“, also moderne komplexe Assistenzsysteme statt dem üblichen Billig-ABS meiner letzten Fahrzeuge, gutes LED Licht, ein super Display mit vielen Features sowie Connectivity, dazu ein professionelles Notrufsystem mit verdecktem Schalter und Kommunikationssystem, und eben einen ziemlich krassen sehr coolen Elektroantrieb. Also da ist einiges geboten, was ich als Budget-Käufer so einfach noch nie gesehen habe. Und dieser Eindruck setzt sich auch technisch fort. Das wollte ich, das habe ich jetzt. Selbst an der Bedienungsanleitung merkt man den hohen Anspruch des Herstellers. Da stehen in der Tat relevante und interessante technische Informationen statt der anderweitig gewohnten leeren Textbausteine drin. Das kann und sollte man lesen! Beispiel: BMW erklärt die Assistenzsysteme realistisch, also was diese leisten und was nicht. Das hätte ich mir bei meinen früheren simplen Basis-ABS mal gewünscht, zu denen die Hersteller damals kein Wort an verwertbarer Info im Manual lieferten.
Zur Bedienung, zur App und zum Display folgt hier irgendwann mehr Info. Das macht einen sehr guten Eindruck, aber ich muß mich erst tiefer reinarbeiten, um es überschauen zu können.

Fahren

Wie gut geht das Teil, wieviel Strom braucht es, was fällt beim Fahren auf, kann man es mit einem Motorrad vergleichen? Ich fasse mich kurz, den Erlebnisbericht lasse ich heute weg. Ja, es geht gut, aber beschleunigt ganz anders als ein typisches Motorrad, nämlich „degressiv“. Die Beschleunigung nimmt nach oben zu ab, was auf dem Papier für unspektakuläre 0-100km/h Beschleunigungswerte sorgt, aber den gewaltigen Antritt des CE 04 verheimlicht. Man findet im Web gezeitete 0-100 Beschleunigungsvideos zwischen 6,5sec und 9sec, wobei ich Werte um die 8 sec für realistisch halte, wenn man nicht zu schwer ist und es halbwegs geschickt anstellt. Natürlich sollte man dabei nicht nach der Displayanzeige („100km/h“) gehen, denn die geht etwas vor. Das aber nur am Rande.

Gefühlt hat das Ding im alltäglichen Betrieb fetten Schub, sofern man sich im Bereich deutlich unterhalb von 100km/h aufhält. Das macht reichlich Freude und ist sehr cool. Der Antrieb ist akustisch stets präsent. Zuweilen macht auch der Riemen bei bestimmten Geschwindigkeiten auffallende, manchmal sogar etwas penetrante Zusatzgeräusche. Die wunderbare Ruhe eines Niu Radnabenantriebs darf man hier nicht erwarten. Das ist kein lautloses Elektrofahrzeug, man wird damit gehört. Trotzdem ist natürlich bei Annäherung an Fußgänger und Radfahrer immer Vorsicht angebracht, weil das Geräusch vielleicht falsch eingeschätzt werden könnte.
Aufgrund der obenraus abnehmenden Beschleunigung fährt sich ein CE 04 anders als ein typisches Motorrad, quasi invers.

Es schiebt erstmal gewaltig an, also man möchte es nicht glauben, daß da nur 42PS Spitzenleistung am Werk sind. Es wird dann aber sanfter, wo beim herkömmlichen Motorrad der Schub eher zulegt. Es unterscheidet sich sensorisch von daher schon deutlich. Man kann mit dem CE 04 gut Landstraßen fahren, hat dann aber nicht die motorradtypische Vehemenz im Bereich der echten 100km/h, wo der Mittelklasse Verbrennermotor in seinem Element ist. Das ist der Preis für diesen Katapultstart, den man völlig mühelos aus niedrigeren Geschwindigkeiten heraus verfügbar hat. Beim Befahren winkeliger Kleinstraßen fällt dieser Aspekt nicht auf. Da punktet die spontan verfügbare unterbrechungsfreie Beschleunigung und Rückgewinnung sowie die präzise Feindosierung der Leistung. Beim Befahren größerer weiterer Landstraßen mit hohem Dauertempo ist es aber ein Thema.


Krasses Vergleichsbeispiel: Der CE 04 ist leistungsgleich (in punkto Spitzenleistung!) mit der Yamaha YZF-R3, die ich seinerzeit sehr schätzte und gerne fuhr. Ein sehr gutes Budgetbike zum aktiven Straßenfahren. Die R3 schafft mit den 42PS ein hohes Dauer- und Spitzentempo und war im Bereich um die 100km/h sehr leichtfüssig zu fahren. Das Hochbeschleunigen hingegen war verglichen mit dem Elektroroller subjektiv ein mühsames Inferno, und dabei war die R3 generell schön zu fahren, also weder eine Krawallkiste, noch irgendwie empfindlich oder heikel in der Bedienung oder Reaktion. Man hat aber halt auf den häufigen Gebrauch der Spitzenleistung bzw. entsprechend hoher Drehzahlen beim Losbeschleunigen freiwillig verzichtet, der fahrerischen Entspanntheit wegen (und nebenbei: auch der Spritverbrauch spielt da mit rein). Man war im langsameren Geschwindigkeitsbereich bewusst etwas gedämpfter unterwegs, ganz automatisch, sonst hätte die Umgebung einen trotz der moderaten Fahrleistungen als rabiat wahrgenommen.

Da muß man sich beim CE 04 keine Sorgen machen. Der bleibt stets elegant, auch bei Vollbeschleunigung. Ich fürchte nur, die Rache in Form des Reifenverschleisses hinten wird schnell zuschlagen, auch wegen der starken und natürlich sinnvollen Rekuperation [Update: Das hat sich nicht bewahrheitet! Der CE 04 frisst Vorderreifen, aber nicht Hinterreifen! Überraschung!] Vom Stromverbrauch her ist die stark wechselhafte Fahrweise sicher effizienter als beim Verbrenner-Motorrad.
Ein weiterer fahrerischer Unterschied liegt bei der automatischen Bremsrückgewinnung, die für eine stets starke Motorbremswirkung sorgt. Will man winkelige Straßen im „Flow“ fahren, so braucht man eine im Vergleich zum leichten Verbrennermotorrad modifizierte Drehgriffkoordination („Gas-/Bremskoordination“). Das erfordert Umgewöhnung. Man wird den Drehgriff beim aktiven Fahren permanent genau kontrollieren und im Bedarfsfall unvermittelt direkt auf Bremse gehen müssen, wo man beim Verbrenner kurze Rollphasen bei Neutralstellung des Drehgriffs drin hat. Die starke Rückgewinnung ersetzt andererseits weitestgehend die Bremse, wenn man nicht grade forciert in Kehren sticht.

Man fährt jedenfalls automatisch mit viel Feingefühl und Kontrolle.
Faszinierend finde ich dabei, wie präzise der Roller sich auf winkeligen oder gar anspruchsvollen Strecken steuern lässt: millimetergenau auf der Wunschlinie, wie mit Lineal und Zirkel.
Man hat also einiges zu lernen, speziell wenn man wie ich von leichten agilen Motorrädern her kommt, umsomehr wenn es wie in diesem Fall kein „Straßensportmotorrad“, sondern eher der lässige laid-back Style ist. Immerhin ist der CE 04 kein hecklastig passiver Ohrenbacken-Sofasesselroller, dafür hat BMW zum Glück gesorgt, und das finde ich Klasse, auch wenn in Tests zuweilen ein mangelnder Langstreckenkomfort oder eine schmale harte Sitzbank angesprochen wird. Danke dafür, well done!

Stromverbrauch / Akku

Wer größere Landstraßen oder Bundesstraßen mit 100km/h befährt, die oder der wird vielleicht einen Stromverbrauch in der Größenordnung 10-11kWh/100km in Kauf nehmen müssen, abhängig von den genauen Umständen, der Sitzposition und vielem mehr. Das tut weh, da ist das Elektrofahrzeug nicht im Idealbereich unterwegs. Fahre ich in unserem hügelig winkeligen Hinterland, so werde ich – ebenfalls abhängig von den genauen Umständen – eher im Bereich 6-7,5kWh/100km unterwegs sein. Dabei tuts für mich der in der Maximalleistung gekappte Eco Modus, denn der ist keineswegs lahm, sofern das Fahrtempo auf kleinen winkeligen Strecken moderat bleibt. Innerorts wird der Stromverbrauchsschnitt noch etwas niedriger liegen. Das ist nicht mein typischer Einsatz, aber bei manchen Innerorts-Abschnitten habe ich bereits Werte unter 5kWh/100km abgelesen.

Die Werte hier sind Pi mal Daumen und stammen ganz einfach von der Displayanzeige und nur von den ersten längeren Fahrten. Ladeverluste sind da garnicht erst berücksichtigt. Wenn man es genau wissen will, da gibt es inzwischen professionelle Magazinartikel mit Werten. Ich gehe jedenfalls von einem groben Richtwert von 100km pro Vollladung in meinem Mischbetrieb aus, und dabei wird der Akku nicht völlig leergefahren. Dabei hat man Fahrspaß und fährt wechselhaft effizient, aber nicht permanent forciert oder gar mit dem Messer zwischen den Zähnen. Übrigens schien mir während der ersten wenigen 100km der Energieverbrauch etwas runterzugehen seit der Händler Abholfahrt.
Das Display zeigt einem auf Wunsch an, wieviele kWh die regenerative Rückgewinnung während einer Fahrt eingebracht hat, und da kommt bei bergigen Strecken einiges zusammen!

Brutto-Verbrauch

Update Aug 2022: inzwischen habe ich über ca. 2600km den Verbrauch ab Ladesäule im warmen Sommer getracked. Hier anklickbar meine Verbrauchsstatistik, mit der ich sehr zufrieden bin:

Urban

Dieser Absatz wurde viel später zum Artikel hinzugefügt, nach mehr als 10.000km mit dem CE 04. Damit möchte ich eine qualitative Einschätzungsmöglichkeit betreffend der Reichweite geben, weil danach immer als erstes gefragt wird und weil manche Fahrer/innen die Herstellerangabe fehlinterpretieren und dann evtl. enttäuscht sind.
Der Verbrauch oder anders gesagt die Reichweite ist aus meiner Sicht der einzig valide Grund, daß man ein Fahrzeug wie den CE 04 als „urbanes Fahrzeug“, also vorwiegend für innerstädtischen Gebrauch klassifiziert, trotz dessen Gewichts, trotz der Größe. Fahrdynamisch und in Anbetracht der Fahrassistenzsysteme gibt es dafür überhaupt keinen Grund, im Gegenteil. Der CE 04 fährt bis zur Abregelgrenze hervorragend im außerstädtischen Bereich und macht dabei unglaublich Spaß. Aber: wer unter außerstädtischem – nicht urbanem – Fahren in erster Linie Schnellstraßen oder Autobahnen versteht, hat schlechte Karten. Das ist in der Tat nicht der Usecase für einen Elektroroller mit 8,5kWh nutzbarer Akkukapazität. Schnell mal 100 oder 200km Autobahn abreiten irgendwohin, das wird für Frust sorgen. Solche Szenarien werden gerne ausgeschlachtet von Leuten, die mit Elektromobilität nichts anfangen können und deshalb mit irgendwelchen Worstcase-Fahrversuchen mit erwartbar vernichtendem Urteil aufwarten, was für die Realität aber äußerst begrenzte Aussagekraft hat, sofern man realistisch bleibt. Spielen sich also die eigenen Usecases überwiegend bei Schnellstraßen-Dauertempo ab, dann kann man zwar mit Tricks extrem viel rausholen (LKW Surfen unter Einhaltung der nötigen Sicherheitsabstände, stets geducktes Fahren, enge Klamotten), aber das ist unlocker. Dazu muss man schon ein erklärter Effizienzfreak sein. Unterteilt man die eigene Mobilität in „urban“ vs „Schnellstraßen“, dann ist der CE 04 in der Praxis tatsächlich ein „urbanes“ Fahrzeug. Und ich denke, so ist diese Klassifizierung vom Hersteller auch zu verstehen, denn fahrerisch ist der CE 04 viel zu schade für rein innerstädtischen Einsatz.
Fährt man einen CE 04 geschickt und effizient außerorts auf gewundenen hügeligen oder bergigen Kleinstraßen, dann kennt die Fahrfreude keine Grenzen. Das ist genial, und die erzielbare Reichweite im Sommer entspricht grob den Herstellerangaben. Kommen aus welchen Gründen auch immer doch einmal Schnellstraßenabschnitte dazu, dann hält man sich ruhig hinter irgendwelchen zügigen LKWs und/oder duckt sich. Damit bleibt der Stromverbrauch auch bei etwa 100km/h noch einigermassen im Rahmen, und die Reichweite bricht nicht ein. So funktioniert nicht-urbanes Fahren mit dem CE 04 mit 8,5kWh nutzbarer Akkukapazität.

Zwei Extrembeispiele: Will man in kompletter Montur mit flatternden Regenklamotten drüber, aufrechter Sitzweise wie ein Schrank im Wind z.B. 100km Autobahn mit hoher Geschwindigkeit und in kurzer Zeit ohne Ladepause fahren, dann kann man sich von der Idee der Zielerreichung bereits bei Fahrtbeginn verabschieden. Das wird sich nicht annähernd ausgehen. Dieser Usecase steht nicht im Pflichtenheft. Für mich wäre das ohnehin kein motorradtypischer Usecase, aber diesbezüglich sind die Ansichten grundverschieden. Es gibt keine Allgemeingültigkeit.
Oder plant man – als weiteren Extremfall – 700km Kleinstraßen-Traumstrecken (Beispiel „Friaulrunde“), die man mit einem herkömmlichen Motorrad an einem langen konzentrierten Fahrtag realistisch durchziehen könnte, dann scheitert es mit dem Elektroroller trotz Schnelladens an den nötigen Ladepausen, die einem mehrere Stunden zusätzlich draufbrummen, so daß man unmöglich in zumutbarer Zeit an einem Tag durchkommt. Typischerweise wären an derartigen Traumstrecken ohnehin nicht ausreichend viele Ladestationen verfügbar, so daß auch dieser eigentlich spannende Usecase ad acta gelegt werden muß.
300km Tagestouren bin ich bereits problemlos gefahren, das war nicht das Limit. Es hängt stark an der regional verfügbaren Ladeinfrastruktur und -auslastung, die man in die Streckenplanung einbeziehen sollte.
Dies alles gilt meiner bisherigen Erfahrung nach bei Sommereinsatz. Bei Kälte schrumpft die Reichweite merklich, so daß man da leider enger kalkulieren muß.

Ergonomie, Sitzen, Fahrwerk, Bremse

Kommt man von einer früheren MT-07 mit Serienfahrwerk, so wird man Lobesgesänge auf die Abstimmung des CE 04 anheben. Das ist eine angenehm straffe direkte präzise und im positiven Sinne völlig unauffällige Abstimmung, die ggfs. auch Kopfsteinpflaster oder Unebenheiten verträgt. Das funzt, daran werde ich nichts tun müssen. Das Geschwabbel der MT Gabel ist noch so tief drin bei mir in der Sensorik, daß ich die CE Abstimmung wirklich unglaublich angenehm empfinde. Es ist auf jeden Fall perfekt ausreichend für alles, was ich vorhabe.
Die Gabelabstimmung hat auch einen starken Einfluß darauf, wie sich die Vorderbremse anfühlt. Ja, reiß mal am Hebel, das ist echt beeindruckend, und es bleibt trotz der starken Bremswirkung neutral und problemfrei. Diese Geschichten mit der schlagartig abtauchenden weichen Front ohne verbleibende Federungsreserven, mit dem aufsteigenden Heck oder einem im Nasskalten bereits vor dem Regelbereich ins Rutschen kommenden miesen Glitsch-Vorderreifen kann man hier vergessen. Super Assistenzsysteme, Maximale Fahrsicherheit, das nehme ich als Budgetbiker mit Handkuß. Endlich habe ich mal sowas am Fahrzeug! Allein diese Features rechtfertigen das erhöhte Preisniveau des CE 04, welches im Vergleich mit anderen hochwertigen Großrollern (X-Adv, T-Max) nicht auffällt.
Die Sitzposition am CE 04 ist von der lässigen nach hinten lehnenden Art. Das ist ein weiterer großer Unterschied zum leichten Motorrad, wo man die starke Vorderradorientiertheit schätzt und weniger auf der Sitzbank lastet. Nein, das ist hier invers. Füsse entspannt vor, Oberkörper aufrecht, man sitzt also eher passiv, die Beine stützen nichts, sondern liegen leicht auf der vorderen Schräge der Sitzbank auf. In dieser Sitzposition kann man kaum Korrekturen über Beinbelastung vornehmen oder in Kurven das äußere Bein belasten. Was das angeht, ist der CE 04 zunächst ein echter Großroller, allerdings mit einer besser zentralisierten Masse, weil man nicht auf dem Hinterrad sitzt, sondern selbst mit Sozius noch im Fahrzeug.

Ein bemerkenswerter Unterschied zu typischen Rollern ist allerdings diese schmale flache und relativ harte Sitzbank, die einem viel mehr seitliche Beweglichkeit verleiht.
Man kann bei der Sitzposition tricksen, hemdsärmlig aktiver dank Körperspannung, Füße weit hinten abstellen, dann stützen sie tatsächlich, dabei seitlich beweglich bleiben, und schon fühlt sich die Fuhre viel flinker an, wenn man das haben will. Kann man ausprobieren, geht! Dank tiefem Schwerpunkt und der schmalen Sitzbank lässt sich das Gerät speziell dann wirklich sehr leicht wechselnd umlegen und bleibt dabei neutral und präzise. In diesem Moment kommt der normalerweise lässig entspannte Roller fahrdynamisch plötzlich auf den Punkt, und Schräglage ist beim CE 04 kein Thema, das geht super. Es gibt somit viel zu experimentieren, denn da geht mehr, als man beim puren Anblick dieses breiten Rollers vermuten würde. Das gilt auch für den Kurvenfahrstil, neutral, Drücken oder Soft-Hangoff, da stehe ich noch ganz am Anfang und taste mich ran.
Thema Sozius: der CE 04 eignet sich ideal für Zweipersonen-Betrieb aufgrund der stets völlig normalen Lastverteilung und dem starken Antritt. Einen routinierten und nicht zu schweren Sozius merkst du auf dem Gerät fast nicht! Hier hebt sich der CE 04 positiv von normalen Motorrädern ab, wo ein Sozius immer für eine ungünstige Lastverteilung und einen deutlich erhöhten Schwerpunkt sorgt.
Noch ein Wort zur Sitzbank: ich habe mich bewusst für die flache Standardsitzbank ohne den optionalen Höcker entschieden und glaube, daß das eine sehr gute Idee ist. Man hat keine Einschränkungen der Sitzposition, und bei Fahrt zu zweit bleibt beiden Personen mehr Platz auf der langen Bank, so daß es nie eng zugeht. Zudem sitzt man 2cm niedriger als auf den optionalen Luxus-Sitzbänken, was der Aerodynamik und damit der Reichweite zugute kommen dürfte.

Fotogalerie

Gepäck

Hier im Bild ist das luxuriös innenbeleuchtete CE 04 Gepäckabteil mit der seitlichen Klappe. Es entspricht vom Fassungsvermögen her locker dem Gepäckfach der Honda NC700X, mit der ich 2012 bis 2016 Touren gefahren war. Ich verwende nun wieder meinen damaligen perfekt passenden Packsack. Das heißt, hier bringt man problemlos Gepäck für meinetwegen 2-3 Tagestouren unter, wie auch immer man diese Touren mit dem CE 04 nun organisiert. Samt Regenbekleidung, versteht sich. Und natürlich das obligatorische Ladekabel.

Zusammenfassend

Nach den ersten Hinterlandrunden staune ich über die technische Qualität dieses BMW Rollers. Die Präzision der Vortriebsregelung, der regenerativen Rückgewinnung und der Fahrmodi in allen möglichen Fahrsituationen ist bestechend. Die Möglichkeiten der Displayanzeige finde ich genial. Da bleiben keine Wünsche offen. Das Fahrzeug ist eine Klasse für sich, das vergleicht sich nicht mit der Armada aus preisgünstigen kleinen Elektrorollern, und es steht selbst im Vergleich mit namhaften qualitativ hochwertigen herkömmlichen Mittelklassemotorrädern gut da, auch wenn die Vergleichbarkeit hier nur begrenzt gegeben ist. Qualität, Infotainment, Fahrwerk, Assistenzsysteme sind auf hohem Niveau, aber das ganze noch dazu elektrisch mit neuester Akkutechnologie, dann erklärt sich auf einmal der Kaufpreis, der in vielen Testberichten als „hoch“ beschrieben wird, der aber im Bereich der aktuellsten Großroller nichtmal aus dem Rahmen fällt.
Allein schon aus monetären Gründen wird mein CE 04 lange in der Garage bleiben. Das ist bei einem solch hochwertigen Elektrofahrzeug gut argumentierbar, denn man hat auf lange Sicht weniger Verschleißwartung als beim Verbrenner und insgesamt einen kostengünstigeren Betrieb. Der CE 04 wird mein Motorradersatz sein, und das geht auch nicht anders. Wie sich das letztendlich arrangieren lässt, darauf bin ich selbst gespannt ohne Ende. Derzeit ist mein Modus Operandi so: ich gehe in die Garage und denke mir: „Mann, ist das Ding breit und lang“. Dann starte ich meine Tour und sehe nurmehr den BMW Spruch „Make Life a Ride“ vor mir. Aktuell ist das Motorradfahren vom Nebenschauplatz wieder voll in meiner Realität angekommen, eigentlich wie in alten Zeiten.

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4 thoughts on “CE 04 Kauf

  1. Hallo Phil, gratuliere zum Neuerwerb und wünsche allzeit gute und sichere Fahrt mit viel Freude.
    Danke für die informativen Berichte weiterhin.
    Herzliche Grüße aus Essen von einem, der dich seit 10 Jahren aus dem PCX-Forum u.a. ‚kennt‘ und jetzt seit knapp 7 Jahren die Forza 300 fährt. Schönwettermässig. Bis jetzt nix Besseres gefunden. 😉

    Mach‘ gut, Dirk

    1. Hallo Dirk, wie schön, mal wieder von dir zu lesen. Ja, ich erinnere mich!
      Ein technisch attraktiver Motorroller oder besser noch, ein Mix aus Roller und Motorrad war immer auf meiner Liste, und der X-ADV wäre da am dichtesten dran gewesen. Nunmehr, dank CE 04 zwei Fliegen mit einer Klappe: technisch und designmässig attraktiver Großroller, sowie endlich elektrisch, das wollte ich unbedingt. Du hast damals mit dem Forza 300 einen in Summe der Eigenschaften interessanten Roller gefunden. Ich steige quasi jetzt erst ein und lerne nun. Es ist schon ein großer Umstieg, aber glücklicherweise alles andere als langweilig.

  2. Moin Phil,

    viel Freude mit dem neuen Elektroroller und allzeit gute Fahrt. Ich finde das BMW Konzept technisch auch sehr interessant, kann mich aber leider nicht an die Optik gewöhnen. Da steckt mir eindeutig zu wenig GS/Adventure Feeling in der Formgebung. Ich mag gerne mal einen echten Feldweg fahren können und eine echte aufrechte Sitzposition ist mir wichtig.
    Ich hoffe die anderen Hersteller kommen da langsam aus den Puschen.

    Mehr als 15kwh bräuchte ich derzeit auch nicht, wenn eine vernünftige Schnellladung integriert ist. Nachdem ich auch den Weg weg vom Vierrad-Verbrenner zu einem echt coolen und wie du gerne sagt -lässig- zu fahrenden Kia E-Soul gefunden habe, wird der Umstieg im Zweiradbereich jetzt forciert.

    Für eine jetzt kommende 10 tägige Urlaubsreise Richtung Norwegen muss die GS nochmal ran. Da gibt es keine Alternative.

    Wie gesagt, viel Freude mit dem Roller und mach weiter so auf deinem Blog. Ich bin immer gerne dabei und freue mich über neue Berichte!

    Gruß aus dem Münsterland.

    Springer

    1. Danke dir, Springer! Ja, es gibt aktuell im Elektrobereich nicht die Quadratur des Kreises. Mir hat die Freeride Elektro ganz viel Spass gemacht, und wuerde ich noch Endurostrecken fahren, dann haette ich die laengst. Alternativlos. Aber auf der Strasse kommst du damit halt nicht weit, das ist sinnlos. Das ist viel zu speziell, und nur fuer Spezialzwecke dann sehr gut und auch passend. Der CE 04 ist das andere Extrem, weil er so gross ist, aber er faehrt beim Strassenbetrieb wirklich phantastisch, hat super Technik an Bord und ist konkurrenzlos in Anbetracht des Kaufpreises. Dass ich damit nun in der Schwergewichtsklasse (lt. meiner eigenen Definition) unterwegs bin, ist ein klarer Kompromiss zu Gunsten der E-Mobilitaet, und funktioniert wegen des wirklich guten Antriebs und der Chassisauslegung dieses Fahrzeugs. Der CE ist agil fahrbar, keine rollende Couch. Was das Design angeht, ist man gespalten. Die seitliche Ansicht ist fuer mich perfekt, so will ich das. Die flache Heckansicht hingegen geht garnicht, da ist diese wahnsinnig breite Front wie ein ueberdimensionierter Beinschild von hinten zu sehen, das macht das genial progressive Design zunichte. Und ansonsten je nach Blickwinkel mehr oder weniger cool. Meine Theorie dazu ist die, dass das Konzept sehr gut funktioniert, weil man stets diesen maechtigen Gratis-Anschub zur Verfuegung hat (keinerlei Inferno, sehr elegant, ein bisschen stealth, sowie die effektive partielle Energierueckgewinnung nach der Beschleunigung, messbar im Bordcomputer), und das macht einen ziemlich entspannt und man ertraegt die ruhigere Dauerfahrt (staendige Tempolimits, Stromsparen). Wohingegen der nervoese leichte Verbrenner als extremes Gegenbeispiel, nehmen wir die im aktuellen Motorrad Intensivtest herangezogene 390er Duke unter Idealbedingungen zwar wie ein kleiner Kettenhund ist, aber das zwangsweise Dahingezockel mangels haeufigen freien Fahrens einen in den Wahnsinn treibt. Ich kann die Flut an neuen 70er und 80er Taferln bei uns im duenn besiedelten Hinterland nicht mehr sehen, das ist witzlos, was soll man damit anfangen. Und deshalb funktioniert so ein E-Fahrzeug viel besser, als man das als normaler Motorradfahrer zunaechst annimmt. Kein sinnloser Leerlauf, keine Hitze, kein Zockel- oder Roll-Stress. HInzu kommt die hochwertige Technik des Rollers, das ist eh klar. Die eingebauten Features sind ein Traum, ein neues Erlebnis fuer mich als bisherigen Budget- und Minimalfahrer.

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